Text
„Owê war sint verschwunden alliu mîniu jâr!
Ist mîn lib gelebet frôliich, oder ist ez wâr?“◆„O weh, wohin sind alle meine Jahre verschwunden!
Ist mein Leben ein Traum gewesen, oder ist es wahr?“
Ein Festival für Walther von der Vogelweide, den bedeutendsten deutschsprachigen Dichter vor Goethe und größten Sohn des Waldviertels.
Er schrieb und sang in mittelhochdeutscher Sprache. Wer erinnert sich nicht aus Schulzeiten an „Ich saz ûf eime steine“ (Ich saß auf einem Stein)? Sein berühmtes Lied „Unter der Linden“ beschreibt die glückliche Liebesnacht eines Mädchens in der Natur, gekennzeichnet durch den klangvollen Kehrreim „Tandaradei“ – mit der Nachtigall als verschwiegener Zeugin.
Indizien sprechen – laut Univ.-Prof. em. Dr. Helmut Birkhan mit 90% Wahrscheinlichkeit – dafür, dass der um 1170 geborene „Cantor“ und Singer-Songwriter seine Kindheit und Jugend in Walthers bei Bernschlag/Hörmanns verbrachte (ungefähr 6,5 Kilometer westlich von Allentsteig, 12 Kilometer von Zwettl).
Er wurde im Stift Zwettl unterrichtet, ehe er als Minnesänger vom Babenberger-Hof zu Wien aus quer durch deutsche Lande zog – und auch wieder nach Walthers zurückkehrte. Er starb um 1228/1230 und wurde in Würzburg beigesetzt.
Hier die Indizien für die von Walter Klomfar entwickelte Waldviertel-Theorie zu Walther von der Vogelweide, der Univ.-Prof. em. Dr. Helmut Birkhan eine Wahrscheinlichkeit von 90 % attestiert. Gesammelt von Mag. Robert Berger.
Walther von der Vogelweide zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern des Mittelalters. Seine Herkunft ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine wissenschaftlich und historisch gut begründete Theorie sieht seine Heimat jedoch im Waldviertel.
Die folgenden Indizien zeigen, weshalb die Region rund um Allentsteig, Zwettl und das historische Walthers als mögliche Heimat des Dichters eine besondere Bedeutung besitzt.
„In Österreich lernte ich Dichten und Sprechen“, sagt Walther in einem seiner Gedichte. Das Herzogtum Österreich, regiert von den Babenbergern, umfasste damals nicht einmal das gesamte heutige Niederösterreich, jedoch das gesamte Waldviertel.
Wenn Walther von der Vogelweide in jungen Jahren (1195–1198) am Wiener Hof des Babenberger Herzogs Friedrich I. Aufnahme fand, ist es naheliegend, dass er aus dessen Herrschaftsbereich kam.
„Parzelliert sind die Felder, der Wald ist gerodet“, heißt es in Walthers „Alterselegie“. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden nur noch in entlegenen Regionen, wie dem Waldviertel, Wälder gerodet.
Zwischen Allentsteig (6,5 km entfernt) und Stift Zwettl (11,5 km Fußweg) findet sich auf historischen Landkarten sowohl ein um 1175 gegründetes, heute nicht mehr existentes Dorf Walthers als auch eine unmittelbar daran angrenzende Vogelweide im Ausmaß von fünf bis sechs km².
Noch im 16. Jahrhundert ist Hans Hager von Allentsteig kaiserlicher Falknermeister. Das Dorf könnte von Walthers Vater, der in Urkunden der Herrschaften Gars und Raabs erwähnt wird, gegründet worden sein.
Wolfger von Erla (1140–1218), Bischof der Diözese Passau, zu der Österreich damals gehörte, war mehrmals in Stift Zwettl zu Gast. Er war ein Freund der Literatur wie auch der Falkenjagd. In seinem Umfeld entstand das Nibelungenlied.
Er könnte Walther in Walthers kennengelernt und seinen weiteren Lebensweg begleitet haben, bis zum einzigen außerliterarischen Lebenszeugnis zu Walther von 1203.
Eine mittelalterliche Handschrift im Zisterzienserstift Zwettl enthält die unvollständige Professformel „Ich, Bruder Walther“. Walther von der Vogelweide könnte hier seine im Werk erkennbare klassische bzw. klösterliche Bildung erhalten haben. Er entschied sich jedoch gegen ein Leben als Mönch.
Stift Zwettl besaß einen „Zwettlerhof“ unmittelbar beim Wiener Stephansdom. Für den Bau des gotischen Chorraums von St. Stephan wurde dieses Gebäude Anfang des 14. Jahrhunderts abgetragen.
Der nach Norden versetzte gleichnamige Nachfolgebau wurde im 19. Jahrhundert durch einen größeren Komplex ersetzt, der jedoch bis heute den Namen „Zwettlerhof“ trägt. Hier könnte Walther anfangs gewohnt haben.
Abgesehen von Aussagen über sich selbst in Walthers Texten bzw. Erwähnungen bei seinen Zeitgenossen gibt es nur ein einziges schriftliches Lebenszeugnis zu Walther.
Am 12. November 1203 notiert der Passauer Bischof Wolfger von Erla in der Aufstellung seiner Reisekosten in Zeiselmauer bei Tulln, dass er „dem Sänger Walther von der Vogelweide für einen Pelzrock fünf lange Schillinge“ gegeben hat.
Walther befand sich in der Begleitung des Bischofs auf einer Visitationsreise durch dessen Diözese und nicht auf dem Weg zur Hochzeit von Herzog Leopold VI. mit der aus einer byzantinischen Adelsfamilie stammenden Theodora Angela.
Das Dokument zeigt das Naheverhältnis und die Wertschätzung Wolfgers für Walther. Der Dichter rühmt seinen Förderer noch Jahre später als „guten Patriarchen, frei von Unaufrichtigkeit“.
Walther verwendet in seinen Gedichten gerne die Langzeile, die typisch für die „Nibelungenstrophe“ und den frühen Minnesang im österreichischen Donauraum ist.
Das Nibelungenlied, ein mittelalterliches Heldenepos, entstand zwischen 1198 und 1204 im Umfeld des Passauer Bischofs Wolfger von Erla. Das ohne einen Autorennamen überlieferte Werk dürfte eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer Dichter gewesen sein.
Es ist schwer vorstellbar, dass Walther von der Vogelweide nichts von der Entstehung des Werkes wusste. Möglicherweise war er sogar an der Endredaktion des Werkes beteiligt.
In seiner „Alterselegie“ beklagt Walther, dass ihm Land und Leute in seiner Heimat fremd und seine ehemaligen Spielgefährten alt und träge geworden sind.
Der Schluss liegt nahe, dass Walther seine Heimat lange nicht gesehen hat, weil sie abseits der wichtigsten Verkehrswege und Machtzentren lag, was für das Waldviertel bis heute gilt.